Jüdischen Leben in Bad Orb

Auch in Bad Orb ging 1938 die Saat des Nazi-Wahns auf. Pfarrer Jochen Löber und Archivarin Helga Koch sammelten Spuren jüdischen Lebens.

Zur Zeit des Nazi-Regimes ging auch in Bad Orb die Saat des Hasses auf. Dafür hatten fanatische Parteigenossen gesorgt. Sie holten in der "Reichskristallnacht" 1938 Juden aus ihren Betten und demütigten sie unsäglich. Darüber sowie über "Spuren jüdischen Lebens in Bad Orb" referierten jetzt der evangelische Pfarrer Jochen Löber und Stadtarchivarin Helga Koch.
Gemeinsam mit Helga Koch erarbeitete Jochen Löber eine Dokumentation. Dabei sollte keine korrekte geschichtliche Darstellung der Jüdischen Gemeinde Bad Orb erstellt werden. Das habe Dr. Jürgen Ackermann in seinen Aufsätzen bereits getan. Deshalb wurde ein anderer Schwerpunkt gesetzt: die Spurensuche.
Spuren jüdischen Lebens finden sich vielerorts: im Heimatmuseum, auf den Friedhöfen, in Fotoalben und Archiven, alten Kurzeitungen oder auf den Gedenktafeln für die aus Frankfurt deportierten Juden an der Mauer des Jüdischen Friedhofs am Börneplatz in Frankfurt. Solange es noch Material gebe und jemand da sei, der sich erinnere, sollte darauf zurückgegriffen werden, sagen die Initiatoren. Seit einem halben Jahr treffen sich beide monatlich und tauschen sich aus. Pfarrer Löber sortiert, ordnet, trägt Daten ein. Helga Koch nutzt ihre Kontakte zu Bürgern und Archiven.
Eine Personenliste soll erstellt werden. "Jede Person, der wir auf die Spur kommen, soll in unserer Dokumentation Erwähnung finden." Inzwischen sind 130 Namen zusammen gekommen. Auch die vielen gewaltsam zu Tode Gekommenen, an die nichts mehr erinnert, können hier zumindest ihren Namen wieder bekommen. Namen wie Lichtenstädter, Seligmann und Max Seliger, Adler, Feist Michael Cohn Silberthau oder Moses Bauer. Und natürlich Dr. Rudolf Weinberg, der wegen seiner Menschlichkeit unvergessen ist und dem eine Straße in Bad Orb gewidmet wurde. Weinberg starb 1941 in Frankfurt, wo die Familie untertauchen wollte. Die Stadt Bad Orb setzte ihm auf dem dortigen Jüdischen Friedhof einen Grabstein. Die Ehefrau und die Töchter Eva und Elsbeth wurden deportiert und starben.
Die bisher gesammelten Bilder und Dokumente sprechen für sich. Bilder von der Einweihung der Gedenktafel auf dem Bad Orber Solplatz, wo alljährlich am 9. November der Jüdischen Gemeinde gedacht wird, oder von jüdischen Grabsteinen und Friedhöfen in Orb und Aufenau, Aufnahmen von Wohn- und Geschäftshäusern, der ehemaligen Synagoge und Dokumente des Alltagslebens.
Während der so genannten Kristallnacht in Bad Orb wurden Menschen - egal, ob alt, krank oder gebrechlich - aus ihren Betten geholt und zur "Eisernen Hand" gefahren, von wo aus sie gedemütigt in ihren Nachtgewänder zurücklaufen mussten. In den nächsten Tagen verließen sie fluchtartig ihre Heimatstadt, suchten die Anonymität der Großstädte oder wanderten aus, wenn sie genug Geld hatten. Viele kamen später in Konzentrationslagern um. Ende 1938 war Bad Orb "judenfrei", womit sogar geworben wurde. Bis dahin hatten jahrhundertelang Menschen jüdischen Glaubens in der Stadt gelebt.